Ein persönlicher Blick auf die Zukunft der Physiotherapie
Physiotherapie ist ein Beruf, den ich auch nach über 30 Jahren noch mit großer Überzeugung und Leidenschaft ausübe.
In diesen drei Jahrzehnten hat sich viel verändert. Unsere therapeutischen Möglichkeiten haben sich weiterentwickelt, das Fachwissen ist gewachsen, die Anforderungen an Therapeutinnen und Therapeuten sind gestiegen – und gleichzeitig erleben wir heute eine Situation, die mich als Physiotherapeut und Praxisinhaber zunehmend nachdenklich macht.
Wie schaffen wir es, auch in Zukunft genügend Menschen für diesen wunderbaren Beruf zu begeistern – und wie schaffen wir es vor allem, dass sie ihn langfristig gerne ausüben?
Eine scheinbar kleine Situation aus unserem Praxisalltag hat mich kürzlich wieder über diese Frage nachdenken lassen.
Ich kam etwa zehn Minuten später als vorgesehen zu einem Patienten in den Behandlungsraum. Noch bevor wir uns begrüßten, ging sein Blick demonstrativ auf die Uhr.
Natürlich kann ich das grundsätzlich verstehen.
Wer einen Termin vereinbart, darf erwarten, dass dieser möglichst eingehalten wird. Auch unsere Patientinnen und Patienten haben Verpflichtungen, Anschlusstermine und einen Alltag, den sie organisieren müssen.
Und selbstverständlich bemühen wir uns bei PhysioFit jeden Tag darum, unsere Termine zuverlässig zu planen und einzuhalten.
Trotzdem lohnt es sich, einmal die andere Seite zu betrachten.
Was passiert eigentlich zwischen zwei Behandlungen?
Physiotherapie besteht nicht nur aus den Minuten, in denen ein Therapeut mit einem Patienten im Behandlungsraum arbeitet.
Wir müssen Befunde erheben, Behandlungsergebnisse beurteilen, Therapieentscheidungen treffen, dokumentieren, Verordnungen prüfen, organisatorische Dinge klären und manchmal auch auf Situationen reagieren, die sich nicht planen lassen.
Und vor allem behandeln wir Menschen.
Nicht jeder Mensch und nicht jedes gesundheitliche Problem lässt sich minutengenau in ein vorgegebenes Zeitfenster pressen.
Manchmal braucht eine Behandlung wenige Minuten länger. Vielleicht muss noch eine wichtige Frage beantwortet werden. Vielleicht zeigt sich während der Therapie etwas, das genauer betrachtet werden muss. Vielleicht braucht ein Patient gerade noch einen Moment Aufmerksamkeit, bevor er die Praxis verlässt.
Ich möchte meine Patientinnen und Patienten nicht einfach von der Behandlungsliege bitten, nur weil die Uhr sagt, dass die vorgesehene Zeit vorbei ist.
Gleichzeitig gehört zu unserem Beruf etwas, das in der Diskussion über Zeitpläne manchmal vergessen wird:
Auch Therapeutinnen und Therapeuten sind Menschen.
Ein Glas Wasser trinken. Zur Toilette gehen. Einen kleinen Happen essen. Nach mehreren intensiven Behandlungen für einen Moment durchatmen.
Das sind keine Zeichen mangelnder Organisation oder fehlender Professionalität.
Es sind menschliche Grundbedürfnisse.
Qualität entsteht nicht unter permanentem Zeitdruck
Von Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten wird zu Recht viel erwartet.
Unsere Patientinnen und Patienten wünschen sich fachliche Kompetenz, Aufmerksamkeit, Einfühlungsvermögen und eine individuell auf ihre Situation abgestimmte Behandlung.
Wir sollen zuhören, untersuchen, Zusammenhänge erkennen, behandeln, erklären und motivieren. Wir tragen Verantwortung und müssen während einer Behandlung konzentriert und präsent sein.
Genau das macht für mich gute Physiotherapie aus.
Aber diese Qualität lässt sich langfristig nur erhalten, wenn die Menschen, die sie erbringen, nicht permanent unter Zeit- und Erwartungsdruck stehen.
Denn ein Therapeut, der gedanklich während jeder Behandlung bereits beim nächsten Termin ist, wird irgendwann Schwierigkeiten haben, genau die Aufmerksamkeit aufzubringen, die wir uns selbst wünschen würden, wenn wir auf der Behandlungsliege liegen.
Der Fachkräftemangel beginnt nicht erst bei der Stellenausschreibung
Wir sprechen heute viel über den Fachkräftemangel im Gesundheitswesen und auch in der Physiotherapie.
Praxen suchen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Patientinnen und Patienten warten teilweise lange auf Termine. Gleichzeitig entscheiden sich ausgebildete Fachkräfte dafür, ihren erlernten Beruf nicht oder nicht dauerhaft auszuüben.
Diese Entwicklung sollte uns alle beschäftigen.
Natürlich hat sie viele Ursachen. Vergütung, Bürokratie, politische Rahmenbedingungen, Ausbildungsbedingungen und berufliche Perspektiven gehören dazu.
Aber ein Faktor wird aus meiner Sicht manchmal unterschätzt:
Wie fühlt es sich an, diesen Beruf jeden Tag auszuüben?
Nach über 30 Jahren in der Physiotherapie bin ich überzeugt: Wenn wir langfristig gute Therapeutinnen und Therapeuten behalten wollen, müssen wir nicht nur über Geld und Rahmenbedingungen sprechen.
Wir müssen auch über Wertschätzung sprechen.
Über einen respektvollen Umgang miteinander.
Über realistische Erwartungen.
Und darüber, Menschen nicht das Gefühl zu vermitteln, dass jede Minute, die sie trinken, dokumentieren, zur Toilette gehen oder eine Behandlung sorgfältig zu Ende führen, bereits ein organisatorisches Versagen darstellt.
Ein wenig Verständnis kann viel verändern
Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass Pünktlichkeit unwichtig ist.
Auch wir als Praxis haben eine Verantwortung gegenüber unseren Patientinnen und Patienten. Wer einen Termin vereinbart, darf erwarten, dass wir sorgfältig planen und respektvoll mit seiner Zeit umgehen.
Aber Respekt funktioniert in beide Richtungen.
Vielleicht können wir deshalb lernen, kleine Verzögerungen gelegentlich etwas gelassener zu betrachten.
Vielleicht steckt hinter zehn Minuten Verspätung nicht schlechte Organisation, sondern eine Behandlung, die etwas länger gebraucht hat.
Vielleicht musste ein Therapeut eine wichtige Dokumentation abschließen.
Vielleicht brauchte er nach mehreren Stunden Arbeit einfach ein Glas Wasser.
Und vielleicht profitieren wir sogar selbst davon, wenn wir beim nächsten Termin diejenigen sind, die gerade ein paar Minuten mehr Aufmerksamkeit benötigen.
Welche Physiotherapie möchten wir morgen haben?
Für mich ist das die entscheidende Frage.
Wir können Physiotherapie immer stärker takten, optimieren und verdichten.
Wir können versuchen, jede Minute eines Arbeitstages maximal auszunutzen.
Aber irgendwann müssen wir uns fragen, welchen Preis wir dafür bezahlen.
Denn wenn immer weniger junge Menschen diesen Beruf ergreifen oder gut ausgebildete Therapeutinnen und Therapeuten ihn nach einigen Jahren wieder verlassen, wird das langfristig vor allem diejenigen treffen, die physiotherapeutische Hilfe benötigen.
Dann sprechen wir irgendwann nicht mehr darüber, ob eine Behandlung zehn Minuten später beginnt.
Dann sprechen wir darüber, ob überhaupt noch zeitnah jemand da ist, der behandeln kann.
Deshalb wünsche ich mir für die Zukunft der Physiotherapie etwas, das eigentlich selbstverständlich sein sollte:
Qualität statt Fließband.
Verantwortung statt Minutendenken.
Respekt statt Erwartungsdruck.
Und Wertschätzung für die Menschen, die jeden Tag für andere Menschen da sind.
Wir bei PhysioFit werden weiterhin versuchen, Termine so gut wie möglich einzuhalten.
Wir werden aber ebenso weiterhin versuchen, unseren Patientinnen und Patienten die Aufmerksamkeit zu schenken, die eine gute und verantwortungsvolle Behandlung benötigt.
Und manchmal kann das bedeuten, dass ein Termin ein paar Minuten später beginnt.
Vielleicht hilft dann ein kleiner Gedanke:
Der Therapeut, auf den ich gerade warte, nimmt sich möglicherweise genau die Zeit für einen anderen Menschen, die ich mir gleich auch für mich selbst wünsche.
Denn gute Physiotherapie braucht Fachwissen.
Gute Physiotherapie braucht Verantwortung.
Gute Physiotherapie braucht Zeit.
Und vor allem braucht sie Menschen, die diesen Beruf auch morgen noch gerne ausüben.
Abschließend noch mein ganz persönlicher, herzlicher Dank an mein Team. Therapeutinnen und Therapeuten, meine Praxismanagerinnen, meine Hygienekräfte … Danke, dass ihr da seid! Meiner Wertschätzung und Dankbarkeit dürft ihr euch sicher sein.
Herzliche Grüße

Frank Schulte
Physiotherapeut und Praxisinhaber PhysioFit Neudrossenfeld
Über 30 Jahre Berufserfahrung